Nachhaltige Mode – gibt es die?

In Paris ist diese Woche Fashion Week für die neue Frühjahrs- & Sommerkollektion 2018. Wieder neue, schicke Mode, die direkt vom Laufsteg in die Läden kommt um verkauft zu werden. Mode ist Massenware und soll schnell und viel konsumiert werden. Man spricht hier von „Fast Fashion“ – schneller Mode. Und die ist vor allem nachhaltig für das Portemonnaie der Designer. Es soll aber auch echte nachhaltige Mode geben. Überall sprießen kleine Labels aus dem Boden, mit Bio-Siegel, „fair wear“-Schildchen, Ökostempel und zum Teil neuartigen Materialien wie Holz, Algen und Papier. Aber: ist das nur ein schneller Trend oder der wahre Weg zu nachhaltiger Mode? In WDR5 Leonardo beleuchte ich die ganze Woche Themen rund um nachhaltige Mode und erkläre, wie „grün“ die neuen Stoffe wirklich sind. 

Spinnerei in Indien. Umweltbundesamt/ Brigitte Zietlow
Spinnerei in Indien. Umweltbundesamt/ Brigitte Zietlow

Teil I: Nachhaltigkeit in der Mode

Dazu muss man sich erst einmal bewusst machen, was „normale“, nicht speziell nachhaltige Mode ist und wie sie hergestellt wird. Ein Naturprodukt wie Baumwolle wird auf Großplantagen angebaut, dabei werden Pestizide eingesetzt, und zwar 25% aller Pestizide weltweit, und man benötigt viel Wasser, hat mir auch Ingenieurin Brigitte Zietlow erklärt. Sie ist Textilexpertin beim Umweltbundesamt in Berlin:

„Für 1 kg Baumwolle benötigt man ca. 200 Badewannen voll Wasser, das führte z.B. dazu dass der Aral-See ausgetrocknet wurde. Ich selbst hab mit Baumwollfarmern in Pakistan gesprochen, die erzählen, dass durch den hohen Einsatz von Chemikalien ihr Grundwasser so stark belastet ist, dass sie es nicht mehr selbst trinken können.“

Irreführende Textilveredelung

Pro Kilo Textil sind das im Schnitt ein Kilo Chemikalien, vor allem in Outdoor-Mode. Der Vorgang wird absurder Weise „Textilveredlung“ genannt. Am Ende stehen dann Hinweise wie „wasserabweisend, bügelfrei, knitterfrei, geruchsneutral“ drauf. Aber die Chemikalien, die das machen gehören weder ins Wasser noch auf unsere Haut. In der EU sind sie zwar oft verboten, werden aber trotzdem im Ausland verwertet und bis heute in unseren Gewässern gefunden. Die Emissionen verschmutzen die Luft. Die meisten Kunstfasern basieren zudem  auf Erdöl und nicht abbaubar.

Ist Bio-Baumwolle eine gute Alternative für nachhaltige Mode?

Bio ist schon mal besser, egal ob bei Baumwolle, Leinen, Wolle und Hanf. Die Produktion hat strenge Auflagen: Düngemittel, Pestizide, gentechnisch veränderte Pflanzen sind verboten. Es gibt Richtlinien in der EU, die aber nur teilweise im Ausland gelten und da kommt unsere Mode nun mal am häufigsten her. Laut Umweltbundesamt sollte man aber vorsichtig sein, wenn man die Modeherstellung in Ländern wie Kambodscha, Indien oder Vietnam ablehnt oder boykottiert, sagt Brigitte Zietlow:

„Bei einigen Produktionsländern hängt ein großer Teil des Bruttosozialprodukts von der Textilproduktion ab und wenn man die einfach dort abziehen würde, würde vielen Menschen die Lebensgrundlage entzogen werden. Das heißt aber nicht dass das ein Freibrief ist für Handels- und Markenfirmen.“

Textilproduktion heißt übrigens nicht nur Mode. 50% der Stoffe werden für die Autoindustrie, Medizin und das Baugewerbe produziert. Auch hier selten nachhaltig.

Wie mache ich meinem Kleiderschrank korrekt nachhaltig?

Nachhaltig heißt nicht nur bio, sondern auch fair, ethisch korrekt und „slow“ – es gilt also vor allem weniger zu kaufen, es länger zu tragen. Weg von Massenkonsum, Chemikalieneinsatz, Billigkäufen und Wergwerfmentalität. Die Umweltorganisation Greenpeace hat dazu gerade eine Kampagne namens „Wir haben genug“. Gerd Müller-Thomkins vom Deutschen Modeinstitut in Köln warnt, dass „Nachhaltigkeit“ aber gerne auch einfach ein Marketinginstrument ist:

„Weil man eine junge Käuferschaft anspricht, die ökologisiert ist, die nachhaltig orientiert ist. Von daher wird die Nachhaltigkeit an sich zum Verkaufsargument und da sollte man auf jeden Fall sehr kritisch sein und sich mit der wahren Markenkultur beschäftigen, bevor man zum Portemonnaie greift.“

Nachhaltig beworbene Mode ist zudem oft etwas teurer. Aber was mehr kostet, landet vielleicht auch nicht so schnell im Müll. Laut Umweltbundesamt kauft jeder Deutsche pro Jahr zwölf Kilo neue Klamotten, 90% davon kommen aus dem Ausland. Genauso viel wird weggeschmissen. Das heißt aber nicht, dass man nur noch alte Klamotten tragen soll. Es gibt ja auch andere Wege zu „neuer Ware“.

Nachhaltige Mode aus Piñatex. Ananas Anam Ltd.
Nachhaltige Mode aus Piñatex. Ananas Anam Ltd.

Stichwort Upcycling

Immer mehr Verbraucher setzen zum Beispiel auf „Upcycling“. Dafür werden Klamotten aus Stoffverschnitten genäht und das Material damit aufgewertet. Getragene Kleidung wird wiederbenutzt, umgenäht. Da werden alte Tüten zu Taschen oder aussortierte Shirts zu süßen Babystramplern. Mittlerweile gibt es zahlreiche Internetseiten, Facebook-Gruppen, die mit Tipps weiterhelfen, Cafés und Büros, in denen sich Leute treffen, austauschen, tauschen, reparieren, diskutieren, wie z.B. das „Colabor“ in Köln.

„Upcycling bedeutet für mich Dinge, die man wertschätzt in anderen Funktionen zu benutzen, bei mir ist das Kleidung, von meinem Vater, die zu Hosen für meine Söhne geworden sind./ Wir müssen sehr kritisch sein beim Einkaufen, gucken was machen die Labels und es gibt schwarze Schafe, klar./ Wir müssen nicht noch mehr produzieren, wir können gucken was es schon gibt. Upcycling ist ein guter Anfang.“

Thema Waschen

Auch das Thema Waschen gehört übrigens in die Nachhaltigkeitsdebatte. Stichwort Wasser-, Energie- und Waschmittelverbrauch. Das größte Problem ist: Bekleidung mit oder aus Synthetik, z.B. Polyester, verliert bei jedem Waschgang winzige Fasern – so klein, dass sie nicht aus dem Abwasser gefiltert werden können und ins offene Gewässer gelangen. Diese Mikroplastik-Partikel gefährden Fische und andere Lebewesen und landen im Zweifel als Fisch und Co wieder bei uns auf  dem Teller. Nachhaltigkeit ist also kein Endzustand, sondern ein langfristiger Optimierungsprozess – bei jedem von uns. Man kann sagen: es gibt nachhaltige Mode, aber vor allem geht es dabei um unseren Umgang damit.

Hier geht es zum ersten Beitrag in Leonardo vom 25.09.2017 in der WDR Mediathek und es gibt eine Bildergalerie auf wdr.de.

Zertifiziertes Holz für T-Shirts. PEFC Deutschland e.V.
Zertifiziertes Holz für T-Shirts. PEFC Deutschland e.V.

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Teil II: Mode aus Holz

Holz ist in Mode: nämlich als Mode selbst. T-Shirts, Pullover und Co gibt es aus Holz, oder zumindest aus Fasern, die daraus gewonnen werden. Das soll nachhaltiger sein als Biobaumwolle. Ich habe mich mit Modemachern, Verbrauchern und Experten gesprochen, um herauszufinden, ob Holz der bessere Stoff für nachhaltige Mode ist.

Atmungsaktiv, antibakteriell, temperaturausgleichend, geruchsneutral – so oder ähnlich werden Modeartikel aus Holz oft angepriesen. Baumwolle ist in Verruf geraten – alternative Materialien sind „in.“ Gut für die, die auf den Zug aufspringen. So wie Timo Beelow mit seinem Label „Wijld“ aus Wuppertal. Er und sein Team verkaufen seit knapp einem Jahr erfolgreich T-Shirts aus Holz.

„Unsere Fasern bestehen zu 67% aus auf Holz basierenden Fasern, der Rest ist Bio-Baumwolle. Man könnte zwar auch aus 100% Holz Shirts herstellen, aber die sind sehr glatt und erinnern eher an Negligees, und so wollten wir die Shirts wieder etwas fester bekommen, damit er sowohl Männern als auch Frauen passt.“

Alte Methode neu aufgerollt

Neu ist das Verarbeiten von Holzfasern nicht. Viskose wird ebenfalls auf Grundlage von Holz hergestellt, allerdings braucht man für das Verfahren so viele Zusätze, dass Viskose als Chemiefaser gilt. Um „natürliche“ Holzfasern zu gewinnen, wird das Material laut Label ohne giftige Lösungsmittel und ohne Natronlauge aufgelöst, was schonender und umweltverträglicher sein soll. Stimmt das? Ist Holz als Textilmaterial nachhaltig? Brigitte Zietlow ist Diplom-Ingenieurin und Textilexpertin beim Umweltbundesamt in Berlin. Sie sagt:

„Die Grundlage ist ein umweltrelevanter Prozess, die Bricks werden lange in Wasser gekocht, und auf dieser Basis werden die Fasern ausgesponnen. Bei den Fasern muss man die Holzarten unterscheiden, da fallen gerade Eukalyptusbäume auf. Das sind schnell wachsende Bäume und entziehen dem Boden sehr viel Wasser. Damals waren dort heimische Weiden, danach geht das nicht mehr, der Boden darunter ist im Grunde tot. Schnellwachsend ist immer ein Synonym für Fast Fashion, schnelle Mode. Es geht ja auch Buchenholz oder andere Bäume, die wachsen langsamer und haben nicht so die Auswirkungen.“

Holz-Gütesiegel

Packen wir das Problem also an der Wurzel: die Baumart ist mitentscheidend. Und die gesamte daran angeknüpfte Art der Forstwirtschaft. Dazu gibt es Prüfsiegel wie das PEFC. Das steht für „Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes“, also für die Anerkennung von Waldzertifizierungssystemen, erklärt Catrin Fetz von PEFC Deutschland e.V.:

„Waldbesitzer erhalten das Siegel, wenn sie ihren Wald ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltig bewirtschaften. Zum Beispiel wenn sie keinen Dünger zur Ertragssteigerung einsetzen oder die biologische Vielfalt fördern. Dieses Holz kann dann für Kleidung genutzt werden, die dann das PEFC-Siegel tragen dürfte.“

 Ein anziehender Stoff

2014 wurde zur Unterstützung der Idee eine Initiative namens „Forest for Fashion“ ins Leben gerufen, von der UNO-Wirtschaftskommission für Europa und der Land-wirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen. Ob Schuhe oder Taschen aus Holz, Sonnenbrillen mit Holzgestell – das Naturprodukt ist ein zunehmend anziehender Stoff – wortwörtlich. Timo Beelow ist überzeugt von der Nachhaltigkeit:

„Aus einem Kilo Holz schaffen wir es vier T-Shirts zu machen.“

Dafür werde 20 Mal weniger Wasser verbraucht als bei der Produktion von Baumwoll-Shirts. Das Holz für die Wood-Shirts wird in Österreich zu Holzwolle und in Portugal zu fairen Löhnen zu Garn verarbeitet.

Das große Ganze

Viele andere Labels springen auf den Zug auf, aber es gibt auch schwarze Schafe und nicht jedes Holzshirt ist gleich nachhaltig. Denn neben dem Material kommen weitere Fragen dazu: z.B. wie „ökologisch“ werden online bestellte Shirts verschickt? Gibt es die Rechnung ausgedruckt auf Papier oder vielleicht per Email? Welche Farben werden zum Einfärben und Bedrucken benutzt? Wie groß ist die Überproduktion und damit der Müllberg? Holzshirts sind vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung. Aber am Ende zählt vor allem das Konsumverhalten. Weniger ist mehr. Wer was anderes denkt, ist auf dem Holzweg.

Hier geht es zum Audio-Beitrag.

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Teil III: Mode aus Algen

Wir können Mode aus Mais, Milch, Hanf, Bambus und Bananenblättern kaufen. Aber Rohstoffe an Land werden immer knapper, der Bedarf immer größer. Deshalb schauen einige Forscher und Modelabels über den Tellerrand und begehen neue Ufer – indem sie Meeresgut weiterverarbeiten und daraus Mode machen: zum Beispiel aus Lachshaut, Krabbenpanzer und aus Algen. Auch Algen werden mittlerweile zu Textilien verarbeitet.

Meist werden Braunalgen aus den Fjorden Islands oder der Nordsee verwendet. Aus gutem Grund, erklärt Karin Springer der Arbeitsgruppe Meeresbotanik Universität Bremen:

„Die Zellwände haben einen hohen Zellulosegehalt, perfekt zur Weiterverarbeitung. Früher hat man Braunalgen auch als Isoliermaterial beim Hausbau verwendet und zum Schallschutz. Und sie enthalten Antioxidantien und halten somit auch Alterungsprozesse auf.“

Mit vielen guten Eigenschaften wird auch gerne geworben. Zum Teil heißt es Algen-Mode sei reich an Vitamin E und Mineralsalzen, wirkt hautpflegend, vitalisierend und entgiftend. Sogar gegen Grippeviren und erhöhtes Cholesterin soll sie wirken.

In Deutschland ist für die Herstellung von Algenfasern die Firma SmartFiber bekannt und wurde schon kurz nach der Gründung mit dem Deutschen Innovationspreis ausgezeichnet. Die Algen für die Textilien kommen aus den isländischen Fjorden. Die Braunalgen werden alle vier Jahre mit einem speziellen „Cutter“ abgeerntet, und zwar über den Wurzeln, so können sie wieder nachwachsen – das geht 10-30 Mal schneller als bei Landpflanzen. Und diese Ernte wird getrocknet und zu einem Garn namens „Seacell“ verarbeitet. Die getrockneten, gemahlenen Algen riechen tatsächlich auch noch nach Meer. Die fertigen T-Shirts tun das hinterher nicht mehr.

Ein möglicher Haken

Algen reichern Wasser und Luft zwar mit Sauerstoff an und sind eine Grundlage unseres Lebens. Jedes 2. Sauerstoffmolekül soll der Photosynthese einer Alge zu verdanken sein. Auf der Haut sind sie laut Forschern besser als Kunstfasern. Aber Algen können Schadstoffe aus dem Meer binden – auch wenn das in kälteren Gewässern wie der Nordsee und dem Atlantik weniger vorkommt, sagt Karin Springer von der Uni Bremen:

„Diese Gewässer gelten im Gegensatz zu tropischen Gewässern als sehr sauber. Aber Algen als Mode werden sich meiner Meinung nach nicht durchsetzen. Sie haben bessere Kompetenzen und sind zu schade um für Mode verschwendet zu werden, eignen sich eher als Nahrungsmittel.“

Oder als Biokraftstoff. Als Textil können sie vermutlich gar nicht unseren Bedarf decken. Trotzdem steigt das Interesse an Algen. Textilforscher der TU Berlin arbeiten gerade mit Braunalgen von der Küste Kubas. Von der fertigen Faser ist aber gar nicht viel in einem Shirt enthalten, sagt Textilexpertin und Ingenieurin Brigitte Zietlow vom Umweltbundesamt:

„Der Algenanteil ist vielleicht 3-4 Prozent. Aber auch hier gilt, wenn es in Fast Fashion und Massenproduktion geht, wird man die Auswirkungen sehen.“

3-4 %, das heißt andere Materialen werden beigemischt – bestenfalls keine Polyesterfasern. Laut der Aktivisten-Organisation Greenpeace ist in den Jahren 2000 bis 2016 der Polyester-Einsatz für Bekleidung von 8 auf 21 Millionen Tonnen angestiegen. Fatal für die Ozeane, die gut 70% unserer Erdoberfläche bedecken und aus denen am Ende ja die Algen kommen.

Wie nachhaltig ist der Kauf von Algen-Shirts denn?

Eine höhere Nachfrage an alternativen Materialien kann große Modemarken zumindest zum Umdenken zwingen. Kleinere Labels machen das längst. So wie Funktion | Schnitt aus Köln. Modedesigner Simon Hariman verkauft dort Shirts aus Seacell, weil die Shirts langlebiger sein sollen als Billigware und sie eine einmalige Qualität haben:

„So eine Seacellfaser wirkt schon hochwertig und nicht so öko. Man kann darin Sport machen, drin schlafen. Es drunter ziehen und man kann es bei 40 Grad waschen.“

Bisher sind die Textilien noch recht teuer, ein Top gibt es ab etwa 50 Euro. Wobei das Deutsche Modeinstitut höhere Preise durchaus als Vorteil sieht: wer mehr ausgibt, entsorgt meist nicht so schnell – das Stichwort ist hier „Slow Fashion“ – also langsame Mode, die man wieder länger trägt und wertschätzt.

Hier geht´s zum Audio-Beitrag.

Und heute geht es ab 15.05 Uhr um Mode aus Papier und Blättern jeglicher Art – auch von Obst.. WDR5 Leonardo im Radio oder live im Stream. Viel Spaß beim Zuhören!

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Teil IV: Mode aus Papier

Pestizide, ausgetrocknete Böden, auf Erdöl basierte Kunstfasern – da stellen sich zurecht die Haare zu Berge, nicht nur weil das Ganze auf unserer eigenen Haut landet. Mode ist bei genauerem Hingucken nicht mehr schick, sondern oft überaus hässlich. Deshalb werden immer neue Materialien gesucht, die gut für Umwelt und Mensch sind und trotzdem schön aussehen. Anlässlich der Pariser Fashion Week habe ich mir alternative Materialien zu Baumwolle, Viskose und Polyester angesehen. Zu guter Letzt: Mode aus Papier.

Bei Mode aus Papier unterscheidet man zwei Varianten. Eine ist, ein fertiges Blatt Papier zu nutzen und daraus Kleidungsstücke zu falten, zu schneiden und zu kleben. Eine Designerin aus Polen, die in München lebt, macht mit dieser Art von Papier wahre Kunstwerke – sie selbst spricht dabei von Papp-Couture. Aufgeplusterte Roben, Röcke aus Papierstreifen, aufwendige Hüte – ein bisschen im Lady-Gaga-Stil.  An der Hochschule Niederrhein tüfteln Textilwissenschaftler und Studenten an Kleidung aus Papier als Kunst- und Modeform – mit tollen Ergebnissen.

Pappcouture – Mode aus Papier an der Hochschule Niederrhein. Fotografie: Hochschule Niederrhein/ Anton Lutz
Pappcouture – Mode aus Papier an der Hochschule Niederrhein | Anna Koch. Fotografie: Hochschule Niederrhein/ Anton Lutz

Papiergarn

Die zweite Variante sind Textilien aus Papiergarn. Und das stellt Literaturwissenschaftlerin Ulrike Hagel aus Münster in Handarbeit selber her:

„Das fängt schon morgens am Frühstückstisch an, da sind wir von vielen Papiersorten umgeben. Da haben wir die Zeitung, die wir lesen, ich trinke gerne Tee und habe das feine Teefilterpapier und wir beißen in Brötchen aus der schönen knisternden Brötchentüte. Und man kann aus denen tatsächlich Papiergarn machen.“ 

Für Ulrike Hagel ist Papier ein faszinierendes Material – auch wenn die Arbeit mühsam, dreckig und nicht für die Ewigkeit ist.

„Bei mir hat alles angefangen mit Zeitungsgarn. Man nimmt eine Seite seiner Tageszeitung, schneidet die Zeitung in 1cm breite Streifen und fängt dann an das Papier zu rollen, klebt den nächsten Streifen an. Man braucht ca 90min Zeit und kriegt etwa 20m Garn raus. Aber die Finger sind danach voll Druckerschwärze und natürlich ist das nicht für die Ewigkeit.“

Ulrike Hagel/paperuli
Ulrike Hagel/paperuli

Handgezwirnt ist Papiergarn recht dick und Kleidung wird damit sehr grobmaschig. Im 19. Jahrhundert wurden Manschetten aus Papier gemacht. Es geht aber auch feiner, erklärt Ulrike Hagel.

„In Japan macht man schon seit 1000 Jahren Stoffe aus Papier, sogenannte Shifu, handgeschöpftes Faserpapier, gewebt aus 2-3mm breiten Streifen. Die rollt man über eine Steinplatte zu Garn auf, als uralte Handwerkstechnik.“

Japanisches Kulturerbe

Diese Technik zählt seit mehr als 50 Jahren zum japanischen Kulturerbe. Wenige Jahre später brachte eine amerikanische Firma dann ein „Vliesett“-Papierkleid raus –ein wenig nachhaltiger Wergwerfartikel. Ein Gag, aus dem ein echter Modehype wurde, wenn auch nur kurz. Zeitgleich sind Garne, Schnüre und Dekoartikel aus Papier entstanden. Zwar ist Papiermode bis heute kaum alltagstauglich, aber Textilforscher wollen das für die Zukunft nicht ausschließen. Immerhin gibt es heute funktionierende Fahrräder und ganze Häuser aus Papier. Aber ist das wirklich nachhaltig?

Fasern aus Bananen und Ananas

Schließlich werden extra Bäume gefällt. Deshalb gehen andere Designer andere Wege und arbeiten nicht mit Blättern aus Papier, sondern mit Blättern von Obst, zB. von Bananen oder Ananas. Daraus lassen sich strapazierfähige, wetterfeste Stoffe herstellen, als vegane Alternative zu Tierleder. Das Label Ananas Anam aus London ist bekannt dafür. Claire Mueller erklärt woher die Blätter kommen:

„Die Ananas-Blätter kommen von den Philippinen. Sie bleiben bei der Ernte eh übrig, werden normalerweise nicht genutzt. Wir nutzen also ein natürliches Abfallprodukt und werten es auf – wir schaffen ein Material namens Piñatex ohne extra Land, Wasser oder Pestizide zu brauchen. Die Ananasblätter werden gepresst, die Biomasse wird als Dünger oder Biogas genutzt, die Fasern werden zum Textil.“

Auch andere Wissenschaftler experimentieren: an der Fachhochschule Enschede in Holland hat man Bananenblätter zu Fasern verarbeitet und die zu schicken Outfits gemacht. Jedes Jahr werden eine Billionen Tonnen Bananenblätter weggeschmissen. Ein Kilo Bananenfaser für Mode braucht nur knapp 40 Kilo Blätter. Auch wenn der Transport natürlich einen ökologischen Fußabdruck hinterlässt. Gerd Müller-Thomkins vom Deutschen Modeinstitut in Köln unterstreicht, was Nachhaltigkeit bedeutet.

„Der Kreislauf der Mode geht vom Anbau der Rohstoffe über die Weiterverarbeitung und den Transport bis hin zum Verkauf. Das heißt nur eine geschlossene Kette kann Nachhaltigkeit für sich reklamieren.“

Fazit

Was lässt sich nun also schlussfolgern am Ende einer Serie über Nachhaltigkeit und Mode? Wie nachhaltig ist unsere Mode heute wirklich? Reicht es Shirts aus Holz, aus Algen und Papier zu kaufen? Nein. Denn Textilien können zwar nachhaltig sein, oft beruhigen sie aber nur das „grüne Gewissen“. Am Ende kommt es wohl auf das Konsumverhalten aller an. Und das muss sich parallel zur Entwicklung nachhaltiger Textilien vor allem eins: nachhaltig ändern.

Hier geht´s zum Audio-Beitrag.